Sonntag, 1. Februar 2015

Die eierlegende Wollmilchsau

Morgen ist es eine Woche her, dass ich meine Masterarbeit verteidigt habe. Es ist super gelaufen, ich kann wirklich zufrieden sein. Durch das Studium der Softwarelokalisierung habe ich vieles gelernt, das mir in der Praxis ganz sicher sehr helfen wird. Nun fehlt nur noch der große Durchbruch als Freiberufler. Wie sonst käme jemand nach drei lehrreichen Master-Semestern an die geforderte jahrelange Berufserfahrung oder an die entsprechenden nachweisbaren, professionell übersetzten Wortzahlen - natürlich am besten je in mehreren Themenbereichen und je Ausgangssprache?
Von Zusatzqualifikationen oder in einem vorherigen Job angefertigten, öffentlichen Arbeitsproben ganz zu schweigen.

Der Beschluss, es dann eben erst einmal auf eigene Faust zu versuchen, liegt da sehr nahe, besonders mit ein wenig Freiberuflererfahrung während des Studiums. Nur ist es etwas ganz anderes, idealer Weise für 5 Wochentage jeweils 8 Stunden Arbeit jedes mal neu zu organisieren, als nebenbei manchmal einen Auftrag zu bekommen. Ich durchforste nun schon seit einer Weile sehr viele Angebote und Ausschreibungen im Internet, um das hoffentlich bald schaffen zu können.

Zwei Dinge fallen allerdings auf: Zum einen wird natürlich auch unter Linguisten immer die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau gesucht, die mit langjähriger Berufserfahrung in der gesuchten Fachrichtung, mehreren Muttersprachen, Kenntnissen in allen gängigen Übersetzungswerkzeugen und DTP-Tools und gerne auch in einer Programmiersprache oder mit mindestens "guten" HTML-, XML- oder Datenbankkenntnissen aufwarten kann. Der ideale Kandidat kann außerdem für jedes passende Projekt kurzfristig umziehen... alle paar Monate wieder, denn schließlich ist ein Freiberufler ja kein Angestellter.
Zum anderen sind die Jobangebote selbst für die hohen Anforderungen, welche sie an die Bewerber stellen, oftmals selbst weit entfernt von der geforderten Perfektion.

Mit den gängigen Übersetzerwerkzeugen habe ich am wenigsten Bauchschmerzen, hier kann ich tatsächlich relativ viel Erfahrung mit verschiedenen Systemen ins Feld führen. Beim Thema Berufserfahrung ist es naturgemäß schwieriger. Meist bleibt nur, sich trotz fehlender nachweislicher Erfahrungen zu bewerben und das Beste zu hoffen.

Dass die gesuchten Kandidaten in der Regel auch noch fachlich extrem gute Kenntnisse haben sollen, ist besonders für Freiberufler, die noch am Anfang der Berufsbahn stehen, ein wirklich schwer erfüllbarer Punkt. Natürlich würde ich mir nicht jede Übersetzung zutrauen, es gibt immer Bereiche, die den wenigen Spezialisten überlassen bleiben sollten, die tatsächlich über besondere Fachkenntnisse verfügen. Aber es gibt auch Texte, die mit guten bis sehr guten allgemeinsprachlichen Kenntnissen qualitativ hochwertig übersetzbar sind. Mit etwas Recherche können viele Wissenslücken geschlossen werden. Und beim nächsten Auftrag kann man dann auf das Gelernte zurückgreifen.
Die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Auftrag zu beschäftigen und sich auch die Zeit zur Einarbeitung zu nehmen, sollte meiner Meinung nach ebenso nachgefragt sein wie bereits vorhandene, nachweisbare Kenntnisse.

Viele Jobangebote enthalten aber auch selbst Rechtschreib- oder Grammatikfehler, sind nicht vollständig aktualisiert oder sogar maschinell übersetzt und ohne Korrekturen veröffentlicht worden. Meist sind es einfache Fehler, die durchaus verzeihlich wären - würde nicht im selben Absatz Perfektion in Rechtschreibung und Grammatik vom potenziellen Bewerber verlangt werden...

Man kann sich natürlich vieles wünschen. Auch einen idealen Übersetzer, der alle Anforderungen erfüllt und der nie einen Fehler macht. Um dem aber wenigstens nahe zu kommen, helfen nur Einarbeitung, Engagement und eine längerfristige Zusammenarbeit wirklich weiter. Schließlich möchte auch ich als Übersetzer ein möglichst perfektes Ergebnis abliefern - einerseits, weil jeder Freiberufler vor allem von seinem guten Ruf lebt und andererseits aus reiner Begeisterung für die Arbeit mit Sprachen.